Die alte Opherdicker Kirche

Ein kurzer Führer durch die evangelische Kirche zu OPHERDICKE, für die Besucher unseres Gotteshauses geschrieben im Mai 1968 von Pfarrer Dr. Schlieper


Das Bauwerk und seine Geschichte Die innere Ausstattung der Kirche Außenschmuck der Kirche

Sie befinden sich in der evangelischen Kirche von Opherdicke, einem Dorf von (in 1968) etwa 850 Einwohnern auf der Höhe des Haarstrangs zwischen Hellweg und Ruhr an der Straße, die von Schwerte nach Unna führt.Zur Kirchengemeinde Opherdicke gehört auch das benachbarte Dorf Hengsen mit (in 1968) 1200 Einwohnern. Bis 1906 erstreckte sich die Kirchengemeinde Opherdicke auch auf das nördlich im Tal liegende Dorf Holzwickede.
Noch im 12. und 13. Jahrhundert hieß unser Dorf Hupherreke oder Upherreke ( Herdecke auf der Höhe) offenbar zum Unterschied von dem im Ruhrtal flußabwärts liegenden Herdecke (auch Nonnen—Herdecke genannt) und dem benachbarten Ostherrike (dem heutigen Strickherdicke).
Die romanische Kirche (wahrscheinlich die zweite an dieser Stelle) beweist die frühe Entstehung einer Kirchengemeinde Opherdicke. Im Jahre 1576 nahm die Gemeinde unter dem Pfarrer Johann Fischer geschlossen das lutherische Bekenntnis an.
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Das Bauwerk und seine Geschichte

Wenn Sie hereingetreten sind und hinter der Glastür ein wenig stille stehen,um zunächst den ganzen Innenraum auf sich wirken zu lassen,werden Sie verstehen, daß kunstverständige Menschen diese alte Dorfkirche das "Kleinod auf dem Haarstrang" nennen und oft und gern zu ihr zurückkehren. Wir, die wir in diesem Gotteshaus zu Andacht und Gottesdienst zusammenkommen, stehen immer wieder staunend vor der Schönheit und Würde dieses Raumes, den fromme Menschen der Vergangenheit uns geschenkt haben und der auch uns zu andächtiger Stille zwingt.
Das Bauwerk stammt nicht aus einer einzigen Bauperiode, es haben vielmehr Jahrhunderte ihre Spuren an ihm hinterlassen.
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Der Turm

Der Turm, der schon 1913 als baufällig abgebrochen werden sollte, aber durch das energische Eintreten des damaligen Pfarrers Strathmann und seines Presbyteriums gerettet wurde, stammt mindestens aus dem frühen 12. Jahrhundert. Er kann aber auch (als Wachtturm?) ganz wesentlich älter sein.

Ev. Kirche in Opherdicke

Er hat einen quadratischen Grundriß von 6.30 x 6.20 m bei einer Höhe von ca 30 m und besteht aus einem — zweischaligen Bruchsteinmauerwerk mit einer Wandstärke von 1.20 m, ausgefüllt von Splittermauerwerk mit trasskalkhaltigem Mörtel. Die Einwölbung der Turmhalle geschah zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Bis 1964 stand der Turm ohne Fundament auf der Erde. Erst dann erhielt er ein 2.00 in tiefes und 1.50 in breites Fundament aus Stahlbeton, das bis auf den gewachsenen Fels reicht. Bei diesen Arbeiten wurden unter der nördlichen Turmmauer Knochenreste eines dort begrabenen Menschen (Bauopfer ?) gefunden. Der Turm muß ursprünglich niedriger gewesen sein. Unterhalb der jetzigen Turmfenster sieht man deutlich Spuren von zugemauerten schmalen Rundbogenfenstern, und das Mauerwerk des obersten Geschosses enthält teilweise andere Steine als die unteren. 1966 erhielt der Turm stählerne Zuganker, die quer durch das gesamte Mauerwerk gespannt und außen verblendet wurden. Dabei wurde das ganze Mauerwerk des Turmes überholt und ausgebessert.
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Das hochromanische Langhaus

Das hochromanische Langhaus mit dem (einzigen) Seitenschiff im Norden und dem Querhaus mit Apsis im Osten entstand 1120 bis 1150.

Grundriss der ev. Kirche in Opherdicke

In den Jahren 1868 bis 1870 ließ das Presbyterium und sein Pfarrer Wilhelm Philipps durch den Baumeister Hartmann aus Worbis eine Erweiterung nach Osten durchführen durch Hinzufügen eines weiteren Jochs zum Querhaus, wobei man überaus vorsichtig zu Werke ging, um den Stil der Kirche nicht zu verändern. Die Apsis wurde sorgfältig abgebrochen und dem erweiterten Bau wieder angefügt. Sie ist innen rund und außen mit fünf Seiten des Zwölfecks geschlossen.
Die Apsis wird von drei rundbogigen Fenstern durchbrochen, die außen von einer Säulenarkade eingerahmt werden. Unter dem Dachansatz verläuft ein Rundbogenfries. Hinzugefügt wurden zwei flankierende Rundtürme, deren Treppenhäuser (als Zugang zu Emporen gedacht) inzwischen wieder entfernt worden sind, um Platz für Sakristei und Küsterraum zu gewinnen.
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Das Seitenschiff

Zum Seitenschiff öffnet sich der Raum in zwei niedrigen Doppelarkaden von ungleichmäßiger Breite. Sie ruhen (im Kirchenbau selten!) auf je zwei gekoppelten Säulen, die in ihrer Form verschieden sind. Die Säulenköpfe (Kapitelle), die Sie sich besonders aufmerksam ansehen sollten, sind noch fast würfelförmig und weisen verschiedenartige Verzierungen auf: Blätter, Ranken, Fischmaul, Palmettenmuster, Köpfe. In der nördlichen Außenmauer befinden sich drei kleine Rundbogenfenster und dazwischen eine ehemalige rundbogige Tür, die 1812 zugemauert wurde, wobei das Bogenfeld zu einem Fenster verändert wurde. Dieser Bogen ist außen von einer profilierten Leiste eingefaßt. 1963 entstand hier eine Gedenkstätte für die Gefallenen der Gemeinde mit einem Osterfenster.
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Das Mittelschiff

Ev. Kirche in Opherdicke

Die Decke des Mittelschiffs besteht aus zwei 1842 erneuerten Kreuzgewölben mit starken rundbogigen Gurten und schmalen Schildbögen. Sie enden auf schmalen Wandpfeilern mit Eckvorlagen, während die Gurtbogen auf Halbsäulen mit schönen Kapitellen ruhen, die mit stilisierten doppelten Blattkränzen und Palmettenranken mit Eckknospen verziert sind. Beachten Sie bitte auch die reiche Profilierung der Kämpferplatten (Platte, Rundstäbe, Kehle), die durch die letzte Ausmalung 1960 (durch die Kirchenmaler Bußmann und Peter) gut sichtbar geworden ist.
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Die Fenster

Von den Fenstern in den Oberwänden des Hauptschiffs haben nur noch drei die ursprüngliche Größe. Das südöstliche ist später nach unten verlängert worden. 1896 wurden in die alten Querhausfassaden die dreiteiligen Fenster eingebrochen. Die bei einer Renovierung im Jahre 1935 zugemauerten Chorfenster sind 1960 wieder freigelegt worden. Da aber die Jugendstilfenster (ein Farbfoto befindet sich im Archiv der Kirchengemeinde) das Gesamtbild der Kirche störten und zu— dem auch stark beschädigt waren, wurden 1963 nach Entwürfen des Hamburger Malers Claus Wallner drei neue Altarfenster und gleichzeitig auch das Osterfenster im Seitenschiff und das kleine Fenster in der Sakristei eingesetzt. Über diese Fenster schrieb der Künstler:
"Die drei Chorfenster der Kirche in OPHERDICKE haben zum Thema die Apokalypse (Offenbarung). Der thronende Weltenrichter umgeben von Leuchtern und Sternen, zu seinen Füßen das Lamm als Zeichen seines Leidens für die Menschen; die vier Wesen — Engel, Adler, Löwe, Stier — zu ihm aufschauend. Dieses ist hell vor einem roten Hintergrund das Zentrum der drei Chorfenster. Die beiden seitlichen Fenster enthalten die sieben Engel mit den Posaunen des jüngsten Tages, den Kampf Michaels mit dem Drachen und als Zeichen des Berichtes dieser Vision Johannes auf Patmos und den Engel, der ihm das Buch gibt, das er verschlingt. Offenbarung Johannes 4,5,8—12.
Das Osterfenster soll zugleich an die Trauer am Grabe des Herrn, wie auch an die Freude der Kunde des Engels, daß der Herr auferstanden ist, erinnern. Die schlafenden Soldaten sind nicht die gefallenen Soldaten der Kriege — aber dieser Ostermorgen soll den Angehörigen Trost und Hoffnung durch die Auferstehung des Herrn — auch im Andenken an ihre Toten geben. Das Sakristeifenster zeigt die Taube des Heiligen Geistes in Erinnerung an Pfingsten."

Im Zuge der letzten großen Renovierung wurde im Jahre 1960 die Empore, die das ganze nördliche Querschiff bedeckte (und verdunkelte!) und 1963 die viel zu große Westempore mit pseudoromanischer Säulenbrüstung abgebrochen, wobei die Gemeinde leider die Herbst—Orgel (Baujahr 1869) mit 18 Registern opfern mußte. Aber nur durch diese Arbeiten wurde es möglich, den Kirchenraum in seiner ursprünglichen Schönheit wiederherzustellen.
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Die innere Ausstattung der Kirche

Die Kanzel

Die Kanzel wurde 1690 angeschafft. Leider konnten wir bisher ihre Herkunft noch nicht urkundlich feststellen, doch ist zu vermuten, daß sie aus der Schule des Meisters Sasse (Attendorn) stammt. Dieses Barockkunstwerk, wohl der schönste Schmuck der Kirche, stellt sich dar als ein fünfseitiger Korb mit gedrehten Säulchen an den Ecken und mit Pinienzapfen verziert. In den vertieften Feldern sieht man die Figuren der vier Evangelisten mit ihren Sinnbildern (nach der Vision Hesekiel 1 und Offenbarung Johannes 4,6ff): Matthäus (Engel), Markus (Löwe),Lukas (Stier),Johannes (Adler). Darunter ein Blattfries mit Engelköpfchen. Bis 1848 befand sich auf der Brüstung eine Sanduhr. Die Kanzel wurde 1960 abgebaut und für einige Zeit nach Levern bei Lübbecke gebracht, wo sie durch die Kirchenmaler Bußmann und Peter von sieben Ölfarbenanstrichen befreit wurde, worunter dann die nun sichtbaren ursprünglichen Farben zum Vorschein kamen (BITTE NICHT MIT DEM FINGER BERüHREN!, EL-TEMPERA—FARBEN). Die Kanzel wurde nach Beseitigung des (unechten) Holzfußes und der steilen Holztreppe auf einen niedrigen Steinsockel gesetzt.
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Die Jakobusfigur

Die Jakobusfigur, Eichenholz, 69 cm hoch, mit Pilgerhut und Muschel, Pilgerstab, Umhänge—Tasche, Messer, Bibel und Märtyrerkrone ist von 1410. Auch diese Figur wurde 1960 von neueren Übermalungen befreit. Ev. Kirche in Opherdicke
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Das Sakramentshaus

Das Sakramentshaus aus Sandstein, 3.55 m hoch, 0.99 m breit, wurde bei der Erweiterung der Kirche im Jahre 1868 sorgfältig aus der Wand gelöst und im neuen Chorraum auf der Nordseite wieder eingefügt. Der Schrank (59 x 78 cm) wird getragen von einer Sockelplatte, die mit Ranken verziert ist, darüber ein Aufsatz mit zwei Postamenten, deren Figuren nicht mehr vorhanden sind. Das Ganze wird gekrönt durch einen Fialenaufbau in Form eines gotischen Baldachins mit gut gearbeitetem Maßwerk und abschließenden Kreuzblumen. In dem schmalen Baldachin hat einmal eine Heiligenfigur gestanden, die verloren ist. Entstehungszeit ist das frühe 15. Jahrhundert.
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Die Christusfigur

Eine Christusfigur aus Eichenholz, 78 cm hoch, von dem gleichen Schnitzer wie die Jakobusfigur, ist verloren. Sie geriet nach der Reformation auf das Schloß Opherdicke, war noch bis 1917 im Besitz der Familie v. Lilien auf Haus Opherdicke. Ihr jetziger Standort ist nicht bekannt. Eine Fotographie befindet sich im Archiv der Kirchengemeinde.
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Der Altar

Der Altar 1.60 x 0.80 m wurde 1961 aus Wesersandstein erbaut, abgedeckt mit einer schwarzen 150 mm starken und 13 Zentner schweren Schieferplatte aus Nuttlar (Ruhr). Unter dem Altar befindet sich ein Sammelgrab ehemaliger Pfarrer der Gemeinde. Das Altarbild ist die Nachbildung eines Werkes von Dierick Bouts 1420—1475. Es wurde der Kirche 1967 von den Konfirmanden geschenkt. Das Original befindet sich in der Alten Pinakothek in München. Ein früheres Altarbild, Original, wurde bei der Renovierung 1935 entfernt und befindet sich jetzt in der Friedhofskapelle. Es ist ein Flachrelief 92/47 cm groß aus Lindenholz geschnitzt in einem starken Rahmen aus Eichenholz, eine Darstellung des Hl. Abendmahls, geschaffen 1850 von dem Münchener Maler und Bildschnitzer Heinrich Schwade. Es wurde 1954 restauriert durch den westfälischen Restaurator Goege, Bad Sassendorf.
Zu den Altargeräten gehört u. a. ein dreiteiliges gotisches Abendmahlsgerät (Silber, innen vergoldet) und eine Anzahl klassizistischer Leuchter aus Silber.
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Außenschmuck der Kirche

Das Hauptportal

Das Hauptportal der Kirche ist an der Südseite in ihrem Westjoch. Die Seiten sind zweimal abgetreppt, davor je zwei Ecksäulen. Über der Tür das Tympanon von 1150. Auf dem Bogenfeld eine Darstellung der Anbetung des Kindes durch die Weisen aus dem Morgenland, umgeben von einer Blattranke. In der alten südlichen Querhausfront Reste eines schmäleren rundbogigen Portals‚ dessen untere Hälfte 1868 zugemauert wurde, während man die obere Hälfte zu einem Fenster benutzte. In die Vermauerung wurde dabei ein zweites Tympanon eingelassen, das heute leider völlig verwittert und unkenntlich ist. Noch vor ca. 60 Jahren war es deutlich zu erkennen als Darstellung der Steinigung des Stephanus. Eine Fotographie davon befindet sich im Archiv der Kirchengemeinde. Über diesem Portal hat sich einmal eine steinerne Überdachung befunden. In einem Werk des Prov. Konservators von Westfalen aus dem vorigen Jahrhundert fand ich einen Hinweis auf ein drittes Tympanon über dem vermauerten Portal an der Nordseite. Es soll ein Kreuz (Kreuzigung?) enthalten haben (Ludorff "Bau— und Kunstdenkmäler des Kreises Hörde" 1895, S. 27).
Das Baumaterial des alten Land— und Querhauses ist ein Grünsandstein aus Anröchte. Der Erweiterungsbau 1868/70 wurde in Westhofener Sandstein ausgeführt. Das Querhaus ist 1933, der Turmhelm 1949 mit Kupfer gedeckt worden. Um die Kirche herum liegt der 1859 aufgehobene älteste Friedhof der Gemeinde, dessen Boden (1882 um einen halben Meter abgetragen, weil Wasser in die Kirche drang) bis dicht unter die Erdoberfläche mit Totengebeinen angefüllt ist. Südlich der Kirche ruhen die Gemeindeglieder aus Opherdicke, westlich die aus Hengsen und an der Nordseite die Holzwickeder. Die alten Grabsteine sind in der ganzen Gemeinde verstreut. Man findet sie in Gärten, Höfen und Stallungen. Einige besonders wertvolle Grabsteine sind in dem unteren Turmgewölbe der katholischen Kirche in die Wände eingemauert worden, drei Steine aus dem vorigen Jahrhundert stehen hinter unserer Kirche, darunter die Steine von Pfarrer Bergmann und Frau. Sie sind so aufgestellt, daß man auch die Rückseite lesen kann.
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Nun haben Sie unser Gotteshaus kennen gelernt, und wir freuen uns darüber, daß Sie gekommen sind. Aber nicht wahr: Unsere Kirche möchte doch ein wenig mehr geben, als ein schönes Kunsterlebnis. Sie möchte Ihnen Mut machen, zu dem schönen äußeren Bilde auch eine innere Bereicherung mit hinauszunehmen.

Darum setzen Sie sich doch bitte noch fÜr einige Minuten in eine der Bänke und öffnen Sie sich der Stille. Tun Sie etwas, was dem unruhigen und oft gehetzten Menschen so ungewohnt ist: beten Sie!

Gott macht es Ihnen leicht, er ist Ihnen nahe. Er weiß ja, wie wir vor ihm stehen, ratlos, nervös, mit schlechtem Gewissen. Aber gerade darum ist er mit seiner Liebe für uns da. Und vergessen Sie nicht, zu danken für alles, was Gott Ihnen täglich schenkt! Und noch etwas: Nicht nur diese Kirche lädt Sie ein, auch Ihre eigene Heimatkirche tut das. Hätten Sie nicht Lust, wie der regelmäßig am Gottesdienst Ihrer Gemeinde teilzunehmen?

Gott wartet auf Sie!


Allen, die mehr Über die geschichtlichen Zusammenhänge wissen möchten, empfehle ich die folgenden Bücher:
Thümmler "Bau— und Kunstdenkmäler des Kreises Unna", 1959.—
Lübke "Die mittelalterliche Kunst Westfalens", 1853.—
Geilenberg "Aus der Geschichte der ev. Kirchengemeinde Opherdicke", 1934.

 


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